Zidane spielt Fußball, mehr nicht.

Zizou… über diesen Fußballspieler findet man kaum Artikel, dafür aber jede Menge Hymnen. Selbst das nicht gerade für seine poetisch schwärmerischen Wendungen bekannte Handelsblatt veröffentlichte kurz vor der WM 2006 einen Text zu Zidanes Rückkehr in die französische Nationalelf unter dem Titel „Ein Gott aus Frankreich“.

David Beckham nennt es in einem Interview den größten Moment seiner Karriere, als Zinédine Zidane sich am Abend vor seinem letzten Spiel für Real Madrid bei Beckham bedankte und sagte, es sei ihm eine Ehre gewesen, drei Jahre lang mit Beckham zusammen zu spielen. Beckham erzählt weiter, er habe damals sofort seine Freunde angerufen und ihnen erzählt, was Zidane gerade zu ihm gesagt hatte. Beckhams Freunde, genau wie Beckham große Fans von Zizou und dessen Spielweise, hätten angefangen zu lachen, weil sie dachten, Becks mache Witze.

Schaut man sich Filmausschnitte von Zidanes Spielen an, wirkt Zizou fast immer eine Spur eleganter, lässiger und souveräner als seine Gegner. Warum ist das so? Was ist das Geheimnis der Eleganz und Leichtigkeit eines Spielers vom Format eines Zinédine Zidane?

Drei unausweichliche Grundlagen für den Erfolg auf Zidanes Niveau sind Talent, Training und Liebe zum Fußball. Einen Mensch ohne jede fußballerische Begabung wird das beste Training vermutlich nicht über einen bestimmten Punkt hinausbringen. Gleichzeitig kann ein fußballerisch hoch begabter Mensch ohne Training seine Fähigkeiten nicht verbessern. Und fehlt die Liebe zu dem, was er tut, wird ein aufstrebender Spieler kaum freiwillig so viel Zeit auf dem Platz verbringen wollen wie ein Profifußballer.

Wenn du jetzt denkst: „Soweit, so gut. Aber da muss doch mehr sein. Schließlich hat Zidane in seiner Profikarriere nicht gegen irgendwelche Dorfklubs gespielt, sondern gegen Mannschaften mit den besten Spielern der Welt“, dann hast du vollkommen Recht. Schaut man sich bei Zidanes Gegenspielern um, findet man bei ihnen genau wie bei Zidane Talent, Training und  Liebe zum Fußball auf höchstem Niveau.

Die Kommentare eines britischen Moderators bringen uns dem Geheimnis auf die Spur: Bei dem WM-Viertelfinalspiel 2006 zwischen Frankreich und Brasilien fasst der Moderator zusammen, was Zidanes elegante Spielweise ausmacht: „Magical Zidane… mystical Zidane… Zidane just lifting the ball over Ronaldo, effortless… effortless brilliance. He seems so relaxed when the ball comes to him, and everything seems to be easy for him. He just caresses the ball with so much finesse, he’s got so much confidence in his abilities, he’s never in a hurry, he’s never rushed.“[1]

Aus meiner Sicht als Alexander-Technikerin bringt uns der britische Moderator dem Geheimnis von Zizous Eleganz und Leichtigkeit näher: Es sind Zidanes Gelassenheit und sein Vertrauen in seine Fähigkeiten, die seine Bewegungen auf dem Fußballplatz so weich und elegant machen. Zidane spielt ruhig, entspannt, souverän, leicht. Kaum eine seiner Bewegungen ist überflüssig. Ein Spieler vom Niveau eines Zidane hindert sich nicht unnötig durch Nervosität und Hektik, und er verbraucht seine Kräfte nicht für überflüssige Anspannung.

Wie sehr wir uns durch unnötige Eile und Anspannung am Erfolg hindern können, beschreibt Frederick Matthias Alexander vor dem Hintergrund seiner Arbeit mit Golfspielern. Viele Spieler tendieren Alexander zufolge in Stresssituationen dazu, unangemessen hektisch zu werden. Die unangebrachte Eile in solchen Situationen sieht Alexander als einen unbewussten Mechanismus, der von unserem Wunsch getragen wird, die stressbeladene Situation möglichst schnell hinter uns zu bringen. So kommt es, dass viele Golfspieler ausgerechnet in Situationen, in denen ihr Erfolg von einem besonders guten Schlag abhängt, vor lauter Hektik einen ungewöhnlich schlechten Schlag machen.[2]

Stell dir nun einen Fußballspieler vor, der vor dem Tor mit einem guten Schuss zum Abschluss kommen soll. Wie viel besser wird der Schuss, wenn der Fußballspieler seine Aufmerksamkeit auf den Ball und auf sein Spiel richtet, statt darüber nachzudenken, was passiert, wenn der Ball am Tor vorbeigeht? Aus diesem Blickwinkel betrachtet liegt das Geheimnis von Zidanes Eleganz und Leichtigkeit in weiten Teilen schlichtweg in dem, was Zidane nicht tut. Selbst in einem WM-Spiel zeigt Zidane keine Anzeichen unnötiger Eile oder überflüssiger Anspannung. Zizou tut das, was notwendig ist, nicht mehr. So können wir das Geheimnis der Eleganz und Leichtigkeit der Spielweise Zinédine Zidanes in einem einzigen Satz zusammenfassen: Zidane spielt Fußball, mehr nicht.

 



[1] Zu deutsch etwa: „Magischer Zidane… mystischer Zidane… Zidane hebt den Ball einfach über Ronaldo hinweg, mühelos… mühelose Klasse. Er wirkt so entspannt, wenn der Ball zu ihm kommt, und alles scheint für ihn leicht zu sein. Er streichelt den Ball einfach mit einer solchen Finesse, er hat so viel Vertrauen in seine Fähigkeiten, er hat es nie eilig, er ist nie gehetzt.“

[2] Frederick Matthias Alexander: Constructive Conscious Control of the Individual, 2. Aufl., Dutton 1940, S. 340.